Die verborgenen Vorurteile im Crowdfunding: Warum wir Menschen finanzieren, nicht Ideen
Crowdfunding-Plattformen versprechen gleiche Chancen für alle – einen Ort, an dem sich die besten Ideen durchsetzen, unabhängig davon, wer dahintersteht. Doch die Realität ist weitaus komplizierter. Wir finanzieren nicht nur Ideen, sondern Menschen. Und das bedeutet, dass bewusste oder unbewusste Vorurteile eine erhebliche Rolle dabei spielen, welche Kampagnen erfolgreich sind.
Das Problem: Menschen vor Ideen
Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass wer man ist häufig wichtiger sein kann als das, was man anbietet. So können sich Vorurteile im Crowdfunding bemerkbar machen:
- Der Charisma-Faktor
- Kampagnen mit charismatischen und selbstbewussten Gründern sammeln mehr Kapital ein, selbst wenn ihre Ideen nicht besser sind als andere.
- Beispiel: Ein redegewandter Unternehmer mit einem mittelmäßigen Produkt kann erfolgreicher sein als ein zurückhaltendes Genie mit einer revolutionären Idee.
- Der Attraktivitäts-Bias
- Untersuchungen auf Plattformen wie Kickstarter zeigen, dass attraktive Gründer mit höherer Wahrscheinlichkeit ihre Finanzierungsziele erreichen.
- Beispiel: Eine Studie stellte fest, dass Kampagnen mit als attraktiv wahrgenommenen Gründern bei ansonsten gleichen Bedingungen mehr Unterstützer und höhere Beiträge erhielten.
- Die Geschlechterlücke
- Von Frauen geführte Kampagnen haben geringere Chancen auf Finanzierung, selbst wenn ihre Ideen genauso überzeugend sind.
- Beispiel: Eine Harvard-Studie stellte fest, dass Unternehmerinnen mit 32 % geringerer Wahrscheinlichkeit ihr Finanzierungsziel erreichten als Männer.
- Unterschiede nach ethnischer Herkunft
- Kampagnen von People of Color und Angehörigen ethnischer Minderheiten stehen häufig vor zusätzlichen Hürden. Schwarze Gründer sind beispielsweise bei erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen deutlich unterrepräsentiert.
- Beispiel: Ein Bericht aus dem Jahr 2020 kam zu dem Ergebnis, dass lediglich 4 % der im Crowdfunding bereitgestellten Mittel an Projekte schwarzer Gründer gingen, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung höher ist.
- Der Alters-Bias
- Jüngere Gründer – insbesondere Menschen in ihren 20ern und 30ern – ziehen tendenziell mehr Unterstützer an, während ältere Unternehmer größere Schwierigkeiten haben können, Aufmerksamkeit und Dynamik aufzubauen.
- Beispiel: Eine Kampagne eines 25-jährigen Gründers könnte mehr Aufmerksamkeit erhalten als die eines 55-jährigen Gründers, selbst wenn der ältere Gründer über deutlich mehr Erfahrung verfügt.
Warum passiert das?
- Vertrauen und Identifikation
- Unterstützer finanzieren eher Menschen, zu denen sie eine Verbindung empfinden oder denen sie vertrauen. Dabei spielen häufig unbewusste Vorstellungen darüber eine Rolle, wer wie ein „Gewinner“ oder erfolgreicher Unternehmer wirkt.
- Der Halo-Effekt
- Wenn ein Gründer attraktiv, redegewandt oder selbstbewusst auftritt, neigen wir dazu anzunehmen, dass auch seine Idee gut sein muss – selbst wenn es dafür keine objektiven Gründe gibt.
- Social Proof
- Frühe Unterstützer orientieren sich häufig an anderen. Gewinnt eine Kampagne aufgrund der Ausstrahlung ihres Gründers schnell an Dynamik, schließen sich weitere Menschen an, ohne die Idee selbst genauso kritisch zu prüfen.
- Medien- und Präsentationskompetenz
- Gründer, die gut präsentieren können oder über professionelle Videos und Bilder verfügen, erhalten mehr Aufmerksamkeit – unabhängig von der tatsächlichen Qualität ihrer Idee.
Was bedeutet das für Investoren?
Wer über Crowdfunding investiert, läuft Gefahr, dass seine Entscheidung von den falschen Faktoren beeinflusst wird. So lässt sich der Einfluss von Vorurteilen reduzieren:
- Konzentrieren Sie sich auf die Idee, nicht auf den Gründer
- Fragen Sie sich: „Würde ich diese Idee auch unterstützen, wenn der Gründer anders aussehen oder anders sprechen würde?“
- Recherchieren Sie gründlich
- Schauen Sie über das Pitch-Video und den persönlichen Charme des Gründers hinaus. Prüfen Sie den Geschäftsplan, das Marktpotenzial und die Erfahrung des Teams.
- Diversifizieren Sie Ihre Investments
- Berücksichtigen Sie bewusst auch unterrepräsentierte Gründergruppen – Frauen, People of Color, Angehörige ethnischer Minderheiten und ältere Unternehmer –, um den Einfluss unbewusster Vorurteile auszugleichen.
Was bedeutet das für Projektinitiatoren?
Wer eine Crowdfunding-Kampagne durchführt, muss damit rechnen, dass Vorurteile sowohl für als auch gegen ihn wirken können. So lassen sich die Ausgangsbedingungen verbessern:
- Investieren Sie in Ihren Pitch
- Ein professionelles Video, eine klare Botschaft und hochwertige visuelle Inhalte können helfen, anfängliche Vorurteile zu überwinden.
- Nutzen Sie Social Proof
- Frühe Unterstützer – auch Freunde und Familienmitglieder – können erste Dynamik erzeugen und weitere Investoren anziehen.
- Heben Sie die Stärken Ihres Teams hervor
- Wenn Charisma nicht Ihre größte Stärke ist, betonen Sie die Fachkompetenz, Erfahrung und bisherigen Erfolge Ihres Teams.
- Sprechen Sie Vorurteile offen an
- Wenn Sie einer unterrepräsentierten Gruppe angehören, können Sie dies offen thematisieren und zu einem Bestandteil Ihrer Geschichte machen. Zum Beispiel: „Als Frau in der Technologiebranche bin ich mit Vorurteilen konfrontiert – und genau deshalb bin ich entschlossen, ein besseres Produkt zu entwickeln.“
Das Fazit
Crowdfunding ist nicht die reine Leistungsgesellschaft, als die es manchmal dargestellt wird. Vorurteile sind Teil des Systems. Dadurch können großartige Ideen übersehen werden, während mittelmäßige Projekte aufgrund der Personen hinter ihnen erfolgreich sein können.
Für Investoren ist dies eine Erinnerung daran, kritisch zu hinterfragen, wohin ihr Geld fließt und warum sie investieren. Für Projektinitiatoren bedeutet es, gezielt an der Präsentation ihres Projekts zu arbeiten, um mögliche Benachteiligungen zu reduzieren.
Das beste Crowdfunding-Ökosystem ist eines, in dem Ideen aufgrund ihrer Qualität finanziert werden – und nicht nur aufgrund der Menschen, die sie präsentieren.